
«Hallo Mami, ich habe mein Handy verloren. Bitte schicke mir eine Nachricht auf diese Nummer…..» Diese Nachricht erwischte mich an einem Montagnachmittag, als ich im Auto nach Zürich sass. Da ich gerade viel um die Ohren hatte, kümmerte ich mich erst am Abend darum. Sofort dachte ich an meine jüngere Tochter, die kürzlich schon ihr Handy verloren hatte. Ich musste die Nachricht drei Mal lesen, weil sie von einer langen ausländischen Nummer kam, bis ich verstand, wohin ich mich wenden sollte.
Pflichtbewusst schrieb ich auf die neue Nummer: «Hallo, hier ist Mama.» Ich glaube, ihr wisst, wie es weitergeht? «Schick mir Fotos», sagte das Handy zu mir. Da fiel mir auf, dass ich gar nicht wusste, welche Tochter das Handy verloren hatte. Also fragte ich nach: Bist du S. oder D.? Die Antwort kam prompt: S. Ah, die ältere Tochter. Das machte Sinn, wegen der ausländischen Nummer – ihr Freund kommt von Holland. «Kannst du mir dringend helfen? Ich muss eine Rechnung bezahlen.» Mein Muttergefühl hatte längst die Führung übernommen.
Alle Vernunft war ausgeschaltet. Ich habe die Tippfehler überlesen, die ausländische Nummer vergessen, es mir verboten, mich über die dringliche Rechnungszahlung zu ärgern oder über den komischen Namen «M M» zu wundern. Ich unterdrückte den Impuls, sie anzurufen – und wollte nur noch eines: meinem armen, überforderten Kind helfen, das keine Daten mehr hat. Ich zahlte die Rechnung. Ich sandte viele Bilder bis Mitternacht. Dann ging ich schlafen.
Am nächsten Morgen beim Frühstück die Erkenntnis: Ich war einem Trickbetrug zum Opfer gefallen. Meine Tochter meldete sich auf ihrer alten Telefonnummer. Alles ein Fake. Ein Irrtum. Das Geld weg. Betrogen. Abgezockt. Blöd wie Bohnenstroh reingefallen. Vor lauter Mutterliebe blind, taub – und doof. Ich hatte Glück im Unglück: Die Empfängerbank hatte den Braten gerochen und mir das Geld zurückgesandt. Der Polizist, bei dem ich die Betrugsanzeige machte, beruhigte mich: Ich sei nicht die Einzige.
Wenn ich ganz ehrlich bin – ganz, ganz, ganz ehrlich –, dann hatte ich gleich zu Beginn eine Warnung in mir. In dem Moment, wo ich bei der SMS nicht drausgekommen bin, hörte ich eine ganz kleine, leise Stimme: „Wenn du nicht drauskommst, dann stimmt da was nicht.“ Doch dieses minimale Aufstrecken des Fingers im Klassenzimmer wurde von vielen lauten, tobenden anderen Stimmen überschrien: «Hilfe, dein Kind hat eine Panne, du musst dich als gute Mutter kümmern!» «Du bist eben technikdumm – kein Wunder, nicht mal eine SMS kannst du richtig verstehen. Du solltest endlich mal Kurse dazu belegen.» «Eine gute Mutter stellt keine unangenehmen Fragen – sie macht einfach, um ihre Liebe zu beweisen.»
Ich hatte im vergangenen Jahr einige solcher Momente, in denen die leise kleine Maya sofort spürte, dass etwas nicht stimmt. Diese innere Klangstimme ging sofort in Resonanz, wenn ich eine Mail las mit Behauptungen, die nicht stimmen konnten – oder wenn mir jemand etwas ins Gesicht erzählte, das sich später als Sturm im Wasserglas herausstellte. Es ist, als ob sich in einer Harfenmelodie ein falscher Faden einmischt – ein minimaler Missklang, fast unhörbar im grossen Ganzen. Nur wenn man sich in der Nacht die Melodie nochmals vorspielt – dann, wenn es ganz ruhig ist und man jedem Klang nachlauschen kann –, hört man ihn: den Missklang, die halbe Note daneben, den Ton, der nicht zum Ganzen passt.
Die Frage ist natürlich die: Weshalb traue ich dieser kleinen Stimme nicht? Warum gebe ich ihr kein Mikrofon, damit sie laut und deutlich sagen kann: Stopp! Halt! Da stimmt was nicht. Nachfragen! Nachbohren! Sich nicht mit Phrasen und Allgemeinplätzen volltexten lassen. Sich nicht mit kleinen Geschenken oder Gesten ablenken lassen. Nicht einfach gut sein lassen. Unangenehm werden! Genau werden! Anhalten und keinen Schritt weitergehen – wie ein sturer Esel, bis das geklärt ist. Nachfragen! Und dann nochmals nachfragen! Ja, dem anderen auf den Senkel gehen und zum Kern vordringen.
Denn willst du jemandem gefallen – willst du von dieser Person geliebt, gelobt und geschätzt werden, die dich gerade anlügt, dir Sand in die Augen streut, dich ablenkt, damit du die Hintergründe nicht erkennst? Nein! Und manchmal wirst du sogar Freude daran haben – nicht nur, weil du das Geld erst gar nicht einzahlst, sondern weil du beim Nachforschen auch herausfindest, dass es ein Missverständnis war. Dass es gute Gründe für das Verhalten des anderen gibt. Auch das ist möglich.



