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Loslassen – das kannst nur du

28. Feb 2020Maya Onken
Trennung

Ich befürchte, es passiert allen. Mindestens einmal im Leben. Manchmal auch öfters. Dass eine enge Beziehung auseinandergeht. Auf furchtbare, schmerzhafte Weise.

Wenn wir uns dabei anschreien, uns die ganze Wut, Enttäuschung und Trauer ins Gesicht schleudern, alles Geschirr gegen die Wand knallen und dann die Scherben zusammenkehren und entsorgen, dann kann dies sehr befreiend sein. Auch wenn das alles nichts klärt, den anderen nicht ändert, den Trennungsgrund nicht wegschwemmt, konnte dem inneren Trümmerfeld Ausdruck verliehen werden.

Es ist kein grandioses Opernhausfinale mit Applaus und Blumen. Aber immerhin. Es ist ein Abgang. Es ist ein Ende. Es ist theatralisch und der andere hat die Katastrophe mitbekommen. Und einiges davon abbekommen. Er weiss um die Not und den Schmerz des andern. Er hat nämlich dieselben Leiden.

Schlimmer ist es, wenn es anders kommt.

Wenn auf einmal – aus nachvollziehbaren oder auch ungeklärten Gründen – die Steckdose herausgezogen wird. Wenn ohne Narkose und Vorwarnung jemand den Beziehungszahn zieht. Wenn nach 15 Jahren Engagement ein eingeschriebener Brief ohne Vorgespräch das Ende der Arbeit verkündet und der Chef, für den man sich das Bein ausgerissen hat, dies mit keinem Wort erwähnt hat und nun komischerweise einfach nicht mehr auftaucht. Wenn nach 3jähriger Mentorenarbeit, wo man einem jüngeren Kollegen auf die Beine verholfen hat mit seiner Ausbildung, seiner Praxistätigkeit und seinem niedrigen Selbstbewusstsein, nun auf einmal das Telefon nicht mehr klingelt und kein Mail im Posteingang liegt. Wenn nach einer heimlichen Liebesbeziehung die Ehefrau dahinterkommt und der Liebhaber nur noch eine SMS schreibt «Sie weiss es, leb wohl.» FUNKSTILLE.

Und du hast keine Wand für dein Geschirr, niemand reicht dir das Taschentuch, weil du im Stillen weinst. Niemand hört deine Wutanfälle, weil du sie nicht im Gang des Bürogebäudes oder vor dem Haus deines Liebhabers austoben kannst, ohne dass jemand die Polizei alarmiert.

Du hast nur noch dich selbst und deinen Schmerz.

Natürlich müssen sich deine Familie und deine Freunde zum hundertsten Mal dieses Beziehungsfiasko anhören. Doch auch das hilft nichts. Du baust in kleinen Rationen ein bisschen Enttäuschung ab. Du erhältst im besten Fall ein verständnisvolles Nicken, einen fürsorglichen Spruch und manchmal aber auch ein Gegenüber, das die ganze Sache nicht mehr hören kann. Denn du belastest mit deinen Wiederholungen eine andere Beziehung, die eigentlich gut funktionieren würde.

Es bleibt dir wirklich nur eines übrig:

Du musst die Dinge für dich anschauen. Und zwar ohne Vorwürfe wie «warum hast du nicht erkannt, dass der andere… dich anlügt, dich ausnutzt, es nicht ernst meint, nur eifersüchtig und neidisch ist, dich auflaufen lässt, dich symbiotisch einwickelt, dich vom Leben entfernt, dich von deinen Begabungen abkappt…», denn das ist in dieser Situation nicht hilfreich.

Frag dich, was du aus all dem lernst. Wo dein Teil an der Sache ist. Was dir die Beziehung gebracht und genützt hat. Welcher Teil war toxisch. Auf was möchtest du bei neuen Beziehungen achten? Analysiere die Dinge. Erkenne! Formuliere deine Lösungen, nächsten Schritte, Massnahmen. Installiere Warnanlagen, die dir das nächste Mal früher ein Zeichen geben. Erkenne deine bisherigen Warnanlagen, die vergeblich geblinkt haben. Meistens gab es die nämlich, aber du hast sie missachtet. Das sind sinnvolle Fragen, die dich weiterbringen.

Und dann, irgendwann ist es soweit. Du hast deinen eigenen Schuhkarton voller Gefühle und Themen, Erkenntnissen und Massnahmen aufgeräumt. Du kannst ihn mit gutem Gewissen und einer Spur Stolz zurück ins Regal stellen.

Was bleibt ist der zweite Karton. Das ist jener, in der eure Beziehung drin liegt. Wo die andere Person ihren Teil auch drin hat. In dem Beziehungskarton liegt euer GEMEINSAMES. All die unausgesprochenen Dinge, die nie geklärt wurden. Da drin liegt oft der Wunsch nach WAHRHEIT, nach GERECHTIGKEIT. Du möchtest dem anderen aufzeigen, dass du richtig liegst und er (oder sie) falsch. Du möchtest beweisen, dass deine Ansicht gerecht ist und seine (oder ihre) Verhaltensweise neben dem Gesetz liegt. Du möchtest, dass der andere (oder die andere) deine Ansicht erkennt und versteht und seine Schuld am Ganzen eingesteht.

Sorry, hier kommt die schlechte Nachricht.

Das wird nicht geschehen!

Vielleicht in zehn Jahren einmal. Dann ist es jedoch bereits verjährt.

Das durfte ich erfahren. Gerade vor einigen Monaten. Dass ich nach einem solchen Trennungsfiasko jemanden wiedergesehen habe, der auf mich zukam und sich entschuldigte für die damaligen Handlungen. Das gab mir Gelegenheit, mich auch für meine Fehler zu entschuldigen. Ehrlich gesagt, es war eine ehrenvolle Sache, aber wäre gar nicht mehr nötig gewesen. Es bewirkte nicht die Erleichterung, die ich mir viele Jahre ausgemalt habe. Es ist wirklich so: Die Zeit heilt Wunden. Diese Begegnung war nicht das grosse Pflaster auf die Verletzung. Diese war von ganz alleine geheilt.

Nein, die andere Person steht nicht zur Verfügung, um den Beziehungs-Karton aufzuräumen. Du musst ihn nehmen, chaotisch, voller Emotionen, nichts ist geklärt, nichts ist aufgeräumt und heiter, nichts liegt geordnet und abgeheftet in Reih und Glied. Und dann kannst du nur eines tun, du darfst loslassen. Entsorgen. Auf ein inneres Schiff legen und wie Moses im Korb aussetzen. Oder in einen Tresor legen, wo der Zahn der Zeit sein Werk tun wird und die einzelnen Akten über die Vorfälle anfangen zu modern und zu schimmeln, zu gammeln und zu vergehen.

Es liegt nicht in deiner Macht den Zweierkarton zu klären. Aber es liegt in deinen Händen, diesen Karton aus deinem Fokus zu legen. Die einzige Person, die loslassen kann, bist du. Denn du bist der Boss in deinem Leben. Befreie dich also von den Dingen, die nicht in deinem Einfluss liegen und schau dahin, wo du was bewegen kannst. In deinen eigenen Karton.